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Flüchtige Begegnung mit Folgen

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Wahrscheinlich kennen Sie das auch. Es gibt Gedanken, die kehren immer wieder. Manchmal, ohne dass man einen Grund erkennen kann; manchmal aber auch bei bestimmten Gelegenheiten.

Verknüpft ist dieser Gedanke mit einer Person, die ich zwar gesehen habe, aber nicht kenne.

Ich weiß noch genau, wie ich mit meiner Frau zur Nachmittagszeit im Restaurant „Zur Mühle“ in Munkmarsch auf der Insel Sylt saß, Kaffee trank und Kuchen aß. Draußen peitschte der Wind so heftig, dass wir kaum die Türe zum Restaurant aufbekommen hatten und er weiterhin die Wellen des Wattenmeers heftig gegen den Strand trieb.

Wir saßen also im Trockenen und Warmen, unterhielten uns und genossen den leckeren Kuchen. Hin und wieder warfen wir einen Blick nach draußen und hatten es so gar nicht eilig, in den Wind und den beginnenden Regen nach draußen und zu unserer Ferienwohnung zurückzugehen.

Etwas links von meiner Blickrichtung entfernt saßen ein Mann und eine Frau an einem Tisch und unterhielten sich.

Er, der so aussah, wie man sich einen Friesen vorstellt: Weißer Bart, eine Kappe, wie Helmut Schmidt sie trägt, weißblau gestreiftes Hemd, weiße Hose und in der Hand eine Pfeife. Nein, eine Pfeife hatte er nicht in der Hand, aber eine Zigarre. Dem Rauchverbot entsprechend aber nicht angezündet, sondern kalt. Ab und zu führte er sie zum Mund und zog daran. Die Macht der Gewohnheit.

Sie unauffällig, sodass sie mir auch nicht im Gedächtnis geblieben ist.

Er sprach sehr laut und man musste, ob man wollte oder nicht, mithören, was er sagte. Meist war es uninteressant, denn er versuchte, die Dame anzubaggern.

Irgendwie hatte er aber nicht den Erfolg, den er gerne gehabt hätte. Entmutigen ließ er sich aber nicht und so startete er einen Versuch nach dem anderen – unterstützt von Sekt, Kuchen, Likörchen und Kaffee.

Wir waren inzwischen mit dem Kuchen fertig und bestellten uns die zweite Portion Kaffee, denn das Wetter hatte sich immer noch nicht geändert.
Menschen, die man sehen konnte, weil sie mit dem Hund draußen waren, waren in Friesennerze gehüllt und stemmten sich mit Gewalt gegen den Wind. Den Hunden machte das Wetter aber nichts aus, denn sie tollten am Strand herum.

Alles, was ich denk‘ und tu‘, trau ich allen anderen zu!“, hörte ich plötzlich den Friesen mit gewohnt lauter Stimme sagen, „alles, was ich denk‘ und tu‘, trau ich allen anderen zu!“

Häufig, wenn ich Urteile anderer über andere Menschen höre, die oftmals negativ sind, drängt sich mir dieses Bild vor das innere Auge.

Ich sehe den Friesen und höre ihn wieder sagen: „Alles, was ich denk‘ und tu‘, trau ich allen anderen zu!“

Wie wahr dieser Spruch doch ist, den ich bis dahin nicht kannte. Meine Wertung sagt häufig mehr über mich aus als über den, den ich bewerte.

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