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Das Verhör

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Eine einzige Lichtquelle befand sich in diesem Raum, der ansonsten nüchtern und schmucklos eingerichtet war.
Ein großer Tisch, an dessen Längsseiten sich jeweils zwei Stühle befanden.  Vier Gläser und eine Flasche Wasser standen auf dem Tisch. Die Gläser waren mit der Öffnung nach unten hingestellt worden, sie waren scheinbar unbenutzt.
Die Lampe war so ausgerichtet, dass sie mich blendete und ich meine Gegenüber kaum erkennen konnte. Ein Mann und eine Frau saßen dort.

„Ihre Rechte haben wir Ihnen vorgelesen! Ihr Anwalt, den Sie hinzuziehen wollten, ist verständigt und wird über kurz oder lang hier eintreffen. Sie können sich zu dem Vorwurf äußern, müssen es aber nicht, bevor Ihr Anwalt nicht an dem Verhör teilnimmt. Was Sie uns allerdings beantworten müssen, sind Angaben zu Ihrer Identität und Ihrem Aufenthaltsort.“

Der Mann schluckte, er drehte seinen Kopf in meine Richtung und ich konnte trotz Gegenlicht erkennen, dass er noch sehr jung war. Vielleicht fünfundzwanzig.

„Haben Sie das verstanden?“
Ich nickte.
„Bitte sagen Sie ja oder nein, denn unsere Unterhaltung wird aufgezeichnet!“
Ich nickte abermals und sagte laut und vernehmlich: „Ja, ich habe es verstanden!“
Die Frau übernahm die Befragung.
„Ihr Name lautet Elmar Fischer?“
„Ja“, bestätigte ich.
„Sie sind am 14. September 1949 geboren!“
Ich bestätigte durch Kopfnicken.
„Bitte antworten Sie laut und deutlich!!
„Sorry, ich vergaß, dass das Gespräch aufgezeichnet wird. Ja, mein Geburtsdatum ist der 9. Juni 1865.“
„Sie wohnen in Köln?“
„Ja!“, bestätigte ich diesmal gleich mit lauter Stimme.
„Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie ein Buch schreiben wollen!“
„Ja!“
„Sie wissen, dass das strafbar ist?“
„Nein!“, antwortete ich. „Können Sie bitte die Lampe etwas drehen, denn sie blendet mich. Meine Augen tränen schon.“

Sie sah ihren Kollegen an und tuschelte kurz mit ihm. Dann drehte sie die Lampe leicht nach links.
„Danke!“
„Möchten Sie sich zu diesem schwerwiegenden Vorwurf jetzt äußern?“ Pause
„Sie können auch auf Ihren Anwalt warten.“, wiederholte der Mann.
„Nein, ich sage etwas zu dieser Anschuldigung, denn bin mir keiner Schuld bewusst!“, erwiderte ich mit fester Stimme. Ich rutschte auf dem Stuhl herum, bis ich eine andere, bequemere Position gefunden hatte.
„Als ich jung war“, fuhr ich fort, „gehörte es dazu, dass man Bücher las. Es gab viele Menschen, die gerne ein Buch geschrieben hätten, um so ihre Gedanken oder Geschichten mitzuteilen. Bei den meisten Menschen ist diese Sehnsucht geblieben.“

Ich glitt auf dem Stuhl etwas nach vorne und bat um ein Glas Wasser.  Dankbar trank ich einen Schluck, bevor ich fortfuhr. „Den Wunsch, ein Buch zu schreiben, hatte ich nie! Geschrieben habe ich allerdings immer. Vielleicht habe ich auch nie bemerkt, dass ich gerne ein Buch geschrieben hätte, ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass die Schwerpunkte in meinem Leben lange Zeit andere waren. Kinder, die lange unsere Unterstützung brauchten und mancher Nackenschlag des Lebens haben den Fokus immer auf andere Dinge gelenkt. Keine Zeit, ein Buch zu schreiben oder nur daran zu denken!“, seufzte ich.
„Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das nun zu tun, wo es verboten ist?  Sie wissen, dass alles überwacht wird, um unser Land und auch Sie zu schützen!“
„Wissen Sie, ich habe mich während meines Erdendaseins nicht von meinen Überzeugungen abbringen lassen. Warum sollte ich jetzt, in meinem fortgeschrittenem Alter, damit anfangen?“

Ich schwieg kurz. Da aber keine Antwort kam, setze ich an, um fortzufahren, wurde aber gleich unterbrochen, denn mein Anwalt kam herein. Er setzte sich zu mir.
„Sie haben sich doch hoffentlich nicht zu den Vorwürfen geäußert?“, sagte er und sah mich an.
„Doch!“, erwiderte ich. „Ich bin gerade dabei.“
Er zuckte mit den Achseln.
„Mit Lesen und Schreiben bin ich groß geworden! Meinen Kindern habe ich vorgelesen und kann heute noch ihr Lieblingsbuch auswendig aufsagen. Lesen war eine Kulturtechnik, ohne deren Beherrschung man schnell ins Hintertreffen kam. Lesen ist Kopfkino und die Gedanken können auf Reisen gehen. Bei jedem Leser etwas anders.“ Wieder trank ich einen Schluck. Nicht weil ich Durst hatte, sondern weil ich mich kurz sammeln wollte.
„Sie können hier erzählen, was Sie wollen!“, unterbrach er mich in hitzigem Ton. „Sie hetzen die Leute auf, Sie werden unzufrieden und sorgen für öffentlichen Aufruhr. Aus welchem Grund sonst haben Sie das Buch „Voll das Rad ab“ veröffentlicht? Sie sind ein Aufständischer, ein Rebell, ein Demagoge!“ Seine Stimme wurde immer lauter und überschlug sich fast.
„Das haben Sie nicht zu beurteilen!“, schaltete sich mein Anwalt ein. „Sie haben hier eine Befragung durchzuführen und nicht zu urteilen!“
„Ach, Sie, Sie Anwalt!“, presste er heraus, und schwieg.

„Sie wissen“ schaltete sich die Frau ein, „ein solches Verhalten wird nicht geduldet. Seit die NSA die Überwachung übernommen hat, gibt es Richtlinien, die das Vorgehen zur Meinungsäußerung verbindlich regeln. Daran haben Sie sich nicht gehalten und dafür müssen Sie sich verantworten.!“
„Wenn das so sein soll, so werde ich die Verantwortung übernehmen! Haben Sie das Buch gelesen und sich selbst ein Urteil gebildet?“ Ich sah sie abwartend an. Als ich nickte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Ich bin mit Lesen groß geworden und werde sicherlich nicht mehr damit aufhören.  Das was ich noch erzählen will, habe ich in meinem Kopf. Einige Geschichten kenne ich schon, andere werden sich entwickeln. Ich schreibe, es sei denn, ich merke während des Autorenkurses, dass Schreiben doch nichts für mich ist!“
„Autorenkurs? Von welchem Autorenkurs sprechen Sie?“
„Ab sofort werde ich nichts mehr sagen, oder glauben Sie, ich würde die anderen Teilnehmer verraten?“

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