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Fast ein Selbstgespräch!

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„Schöne Motive gibt es hier! Schön ruhig ist es auch!“
So sprach mich eine ältere Dame an, die, wohl zwischen siebzig und achtzig Jahre alt, ebenfalls über den Friedhof spazierte.

Ich war auf Motivsuche in diesem parkähnlichen angelegten und von Kunst und manchmal sogar Individualität durchzogenen Stücken Land, das in jeder Gemeinde zu finden ist.

Friedhöfe erzählen Geschichten, sind eine Oase für Tiere und zeigen die ganze Verschwendung, die man den Verstorbenen gewährt, statt ihnen die häufig vor dem Tod fehlende Zuwendung, Liebe und Hilfe zu geben.

Wir standen uns auf einem Weg gegenüber und sahen uns an. Wie immer hatte ich die Stöpsel in den Ohren, weil ich gerne bei der Fotomotivsuche Hörbücher höre. Ich nahm den rechten Stöpsel aus dem Ohr, was die ältere Dame wohl als Aufforderung verstand, das Gespräch fortzusetzen.

„Die letzte Ruhe hat man hier aber auch nicht! Nach zwanzig Jahren wird man ausgebuddelt und weggeworfen!“
Sie lächelte mich an und beobachtete genau meine Reaktion auf ihre Worte.
Ich nickte nachdenklich und sagte: „Ja, das stimmt wohl!“

„Entschuldigen Sie“, sagte sie und hob dabei die rechte Hand verdeckend vor den Mund, „meine neuen Dritten sind in Arbeit, die bekomme ich erst nächste Woche!“
Sie lächelte mich leicht verlegen an und ich lächelte zurück.

Sympathisch war sie ja, wie sie da so vor mir stand. Ein von Linien und Falten durchzogenes Gesicht, das zeigte, dass sie wohl in ihrem Leben einiges mitgemacht hatte. Die Lachfältchen, die von ihren Augen sternförmig bis über ihre Wan­gen huschten, waren ausgeprägt und machten sie schön. Die Körperhaltung war gestrafft und sie war ohne Stock oder gar Rolllator unterwegs. Die Füße steckten in bequemen, nicht ganz billigen Schuhen und die Kleidung wirkte schlicht und solide.

Sie nahm die Hand vom Mund, sah mich fragend an und lächelte wieder, sodass ihre Lachfältchen wieder über ihr Gesicht huschten.

„Aus der Kirche bin ich schon lange ausgetreten! Die tun ja nichts für die Menschen, sondern nur für sich. Meine Kinder sind auch alles aus der Kirche ausgetreten!“
Während sie das sagte, schaute sie mich beobachtend an. Ich nickte zustimmend und sie führte ihren Monolog fort.

„Zuletzt war ich vor unserer Hochzeit in der Kirche. Da musste ich auch beichten. Der Pfarrer wollte aber nur …“, sie zögerte, bevor sie weiter sprach, „… Sie wissen schon … Dinge wissen, die nur das Eine betrafen! Mein Mann hat dann gesagt: Da gehst Du nicht mehr hin. Während Du erzählst, wichst der sich einen!“
Jetzt war der Schalk in ihren Augen zu sehen, als sie mich ansah. Sie wollte wohl wissen, ob mich ihre Aussage irritiert hat. Ich lächelte sie an, nickte leicht mit dem Kopf, lächelte und ein „Möglich!“ kam über meine Lippen.

Ein Eichhörnchen kletterte wieselflink einen Baum hoch. Sie wies mit dem Finger darauf, sah mich an uns sagte: „Ich halte Sie hier nur auf und sie wollen fotografieren! Das Eichhörnchen haben Sie jetzt schon verpasst. Entschuldigen Sie. Hat mich gefreut, mich mit Ihnen zu unterhalten! Auf Wiedersehen und alles Gute!“
Damit wandte sie sich zum Gehen, sodass ich ihr schon fast hinterher rufen musste: „Hat mich sehr gefreut und vom Fotografieren haben Sie mich nicht abgehalten! Ihnen alles Gute!“

Eine ganze Weile bin ich dann noch auf dem Friedhof geblieben. Die ältere Dame, die keinen vereinsamten Eindruck machte, ging mir noch eine Weile nicht aus dem Kopf. Sie gehörte sicherlich nicht zu den Menschen, die sich in den Wartezimmern der Ärzte aufhielten, um sich der Illusion hinzugeben, ein wenig menschliche Wärme spüren zu können. Wahrscheinlich waren wir uns nur sympathisch.

Eine Bereicherung war diese kurze Begegnung auf jeden Fall für mich.

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