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Zoo 4.0 oder Tschüss Ruhezone

Posted in Medienkompetenz, and Nachdenkliches

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Zwei junge Frauen kommen mir entgegen.
Beide schieben einen Kinderwagen, während sie nebeneinander die gesamte Wegbreite einnehmen. Die rechts gehende Frau hält ihr Handy ans linke Ohr, die links gehende Frau hält ihr Handy ans rechte Ohr.

Szenenwechsel

Am Nachbartisch im Restaurant sitzt ein Mann. Er wartet auf sein Essen und hat das Handy in der Hand. Er hält es so weit vor, dass ich, ohne den Kopf besonders drehen zu müssen, sehen kann, was er auf seinem Bildschirm sieht. 

Sein Essen kommt. Er hält das Handy weiter in der Hand, während er hastig mit der Gabel in der linken Hand Brocken vom Teller fischt und in den Mund schiebt.
Sein Blick bleibt im Wesentlichen aufs Handy gerichtet. Sein rechter Daumen wischt hoch und runter. Das Display zeigt nur sein Menü. Kein Zähler an den App-Symbolen, die neue Nachrichten anzeigen. Trotzdem der Wechsel zu E-Mails, WhatsApp usw..
Ohne Unterlass, Wischen, App öffnen, nichts Neues, weiter und wieder von Anfang an.

Info

Die Polizei hat festgestellt, dass ca. 50 Prozent der Pkw- und Lkw-Fahrer während der Fahrt mit dem Handy beschäftigt sind. 

Szenenwechsel

Ich sitze auf der Bank in der Sonne und beobachte die vorbeigehenden Menschen. Frauen und Männer, mit und ohne Kinder, geschätzt über 90% mit dem Handy in der Hand und den Blick aufs Display gerichtet. 

Das spielende Kind auf dem Spielplatz hat die Mutter nicht im Blick, mit ihm spielt sie auch nicht, denn der Blick ist aufs Handy … 

Das Elefantenjunge hat einen Sandberg erklommen.
Das war gar nicht so einfach und nur möglich unter Zuhilfenahme des Rüssels. Trotzdem mehrfach abgerutscht und einen neuen Anlauf genommen. Ausdauernd, bis das Jungtier sein Ziel erreicht hatte. Lustig anzusehen. Aber gesehen hat es außer mir kaum jemand. Die meisten Vorbeigehenden schauten aufs Handy.

Info

Die Gesundheitsschäden, die sich aus intensiver Handynutzung ergeben, werden des Öfteren aufgezeigt: Haltungsschäden und Kurzsichtigkeit. Dazu Unfälle durch Unaufmerksamkeit.

Das Handy bindet die Aufmerksamkeit vieler Menschen und hat einen hohen Aufforderungscharakter ständig nachzuschauen, ob nicht doch eine neue Nachricht vorhanden ist. 

Ist keine Nachricht vorhanden, kann man ja schnell …

Zoo 4.0

Seit dem 9. September 2018 gibt es im Kölner Zoo kostenloses WLAN für alle Besucher. Flächendeckend. Zoo 4.0 und ein weiterer wichtiger Schritt zur Digitalisierung, so wird es gefeiert.

Medienkompetenz?

So sehr ich schnelle Internetleitungen befürworte, so wichtig sie für die Kommunikation sind, so unwichtig finde ich diesen WLAN-Zugang im Kölner Zoo.
Hier kommen meist Familien mit kleinen Kindern hin. Statt die Zeit interaktiv mit den Kindern zu nutzen, klebt der Blick am Handydiplay. Statt einfach die Tiere und ihr Tun zu genießen, löst sich der Blick nicht vom Handy.

Zur Medienkompetenz gehört auch, dass man mit den zur Verfügung stehenden Medien sachgemäß umgeht, sie als Werkzeug nutzt. Das beinhaltet, das Handy auch mal in der Tasche zu lassen.

Was aber immer mehr zu kurz zu kommen scheint, ist die Phase des Nichtstuns, der Langeweile, die für die nötige Regeneration des reizüberfluteten Gehirns wichtig ist. 

Der Zoo ist so eine Möglichkeit, denn neben den Tieren ist das Gelände eine wunderbare gewachsene Parklandschaft, die buchstäblich dazu einlädt.

Ich plädiere für Zoo 5.0 als Handy freie Zone.  


Anmerkung

Schon im August 2011 habe ich einen Artikel zum Umgang mit dem Handy veröffentlicht. Er ist erschreckend aktuell und nicht die Ausnahme – nein, fast schon die Regel:

Familienkommunikation der besonderen Art vom 6. August 2011

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