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Wichtig fürs Leben! Frustrationstoleranz kann man lernen!

Posted in Bildung, Lernen, Nachdenkliches, Sachtext, Schule, and Standpunkt

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   Ein heller Raum. In der Mitte des Raumes steht ein Tisch. An dessen Längsseite, die nicht dem Zuschauer zugewandt ist, befinden sich zwei Stühle. Auf einem Stuhl sitzt ein Kind. Eine Erwachsene wendet sich dem Kind zu und gibt ihm ein Ü-Ei mit den Worten: Ich muss kurz den Raum verlassen. Wenn ich zurückkomme und du das Ü-Ei noch nicht ausgepackt hast, bekommst du ein zweites Ei.«

  Daraufhin verlässt die Frau den Raum. Die Kamera bleibt auf dem Kind und zeigt den inneren Konflikt, dem das Kind im Augenblick ausgesetzt ist: Öffne ich das Ei oder tue ich es nicht und erhalte ein weiteres.

   Das Kind spielt mit dem Ei. Schüttelt es und hört daran. Legt es weg und nimmt es abermals in die Hand. So geht es eine ganze Weile.

  Die wenigsten Zuschauer werden wissen, dass diese Szene auf den Psychologieprofessor Walter Mischel zurückgeht, der genau dieses Experiment mit vierjährigen Kindern gemacht hat. Hier war es kein Ü-Ei, sondern Marshmellows, die bei diesem Experiment an der Stanford-Universität den Reiz der Begierde auslösen sollte.

   Bemerkenswert an diesem Test war, dass er viel genauere Rückschlüsse über den etwaigen Schulerfolg zuließ, als dies anhand eines Intelligenztests möglich war und ist.

   Dies wurde kontrolliert, indem man den Schulerfolg der Kinder, die den Marshmellow nicht genommen hatten, nach 14 Jahren kontrolliert. Kinder, die die Marshmellow nicht genommen hatten, schnitten wesentlich besser ab, als Kinder, die der Versuchung nicht widerstehen konnten.

   Die Kinder, den den Marshmellow nicht genommen hatten, taten dies in dem Bewusstsein, dass später auf jeden Fall eine Belohnung zu erwarten war. Auch als Erwachsene waren diese Kinder wesentlich erfolgreiche als die, die den Marshmellow genommen hatten.

   Zurückgeführt wird dies auf eine hohe Frustrationstoleranz, die in der Kindheit erworben wurde.

   Heute findet man diese Bezeichnung der Frustrationstoleranz häufig als pädagogischen Begriff bei Gesprächen zwischen Eltern und Lehrern.

   Jeder kennt das, hat es schon gesehen oder selbst erlebt. Ein Elternteil unterhält sich mit einem anderen. Plötzlich taucht das Kind auf. Erst wird am Arm oder an der Kleidung des Elternteils gezogen, dazu laut etwas gefragt.

   Kommt vom Erwachsenen der Einwurf: „Augenblick! Ich rede gerade mit Frau XY.“, steigert das nur die Forderung einer direkten Antwort. Der Ton des Kindes wird fordernder, das Gezerre an der Kleidung stärker, es lässt einfach keine Ruhe. Häufig antworten Eltern dann schnell oder erfüllen die Forderung, die vom Kind gestellt wurde.

   Ich bin mir dann meist nicht so ganz schlüssig, handelt es sich hier um mangelnde Frustrationstoleranz, einfach nur Unerzogenheit oder Bequemlichkeit der Eltern, die sich durch die sofortige Befriedung des Bedürfnisses des eigenen Kindes Ruhe verschaffen wollen. Ein Trugschluss, denn das funktioniert nicht, sondern die Forderung nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung wird gefördert.

   Ein Kind mir höherer Frustrationstoleranz hätte in der gleichen Situation und der Bitte des Erwachsenen, einen Augenblick zu warten, gewartet.

   Ein Kind, das eine gesunde Frustrationstoleranz hat, ist zum Beispiel in der Lage, sich Hilfe zu holen, wenn es etwas nicht versteht. Das kommt bei Hausaufgaben öfter einmal vor. Es fragt einen Erwachsenen, ruft jemanden an oder schlägt in einem Lexikon nach. Ein Kind, das diese Eigenschaft noch nicht entwickelt hat, schlägt das Heft zu und hat keine Lust mehr weiterzulernen.

   Frustrationstoleranz ist nichts, was vom Himmel fällt oder in den Genen steckt. Frustrationstoleranz kann trainiert werden, indem man das Bedürfnis des Kindes nicht immer gleich befriedigt. So kann man auf eine Forderung zum Beispiel reagieren, indem man sagt: »Moment! Ich mache nur eben das zu Ende, dann helfe ich dir.«

   Frustrationstoleranz benötigt man ein Leben lang in vielen Situationen.

  • Bei Rückschlägen aller Art.
  • Wenn die Befriedigung eines Bedürfnisses erst eine Ansparphase voraussetzt, bevor man sich Gewünschtes kaufen kann.
  • Etwas nicht so klappt, wie man es sich vorgestellt hat und man einen zweiten, dritten oder gar vierten Anlauf unternehmen muss, bevor es gelingt.

Die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen. Auch Ihnen werden sicherlich einige Beispiele einfallen.

   Wenn also in einem Zeugnis steht:
»Hännschen ist noch nicht immer in der Lage eigene Bedürfnisse zugunsten einer gemeinsamen Aktivität zurückzustellen.« deutet dies auf eine niedrige Frustrationsschwelle hin und sollte mit dem Lehrer ausführlich besprochen werden.

LINKS

Wikipedia

»Lustorientierte Kinder ohne Frustrationstoleranz«

Frustratrationstoleranz und Motivation

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