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Lernen für die Klassenarbeit

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Sechs Wochen ist es jetzt her, dass das Thema erstmalig im Unterricht besprochen worden ist.

Seit diesem Tag wurde kontinuierlich daran gearbeitet, gelernt und geübt.

Morgens in der Schule, nachmittags im Offenen Ganztag oder zu Hause, mit Nachhilfelehrer, mit Mama, mit Papa, mit Tante oder Onkel, Oma oder Opa.

Jeder hatte etwas beizutragen und geholfen, nur der Schüler hatte keine Chance dem Thema auch nur kurzfristig auszuweichen oder sich den Hilfeangeboten zu entziehen.

Keine Zeit, einfach mal etwas zu tun, was Spaß macht und die Anspannung löst, die hinter diesem Üben stehen.

Die letzte Arbeit war eine Fünf. Er erinnert sich noch gut daran, dass auch dort vorher intensiv geübt worden ist. Selbst vor dem Schlafengehen wurde noch einmal geübt und auch im Traum gab es keine Muße, sich anderen Dingen zuzuwenden, denn Üben und Arbeit war das alles beherrschende Thema der letzten Wochen gewesen.

So ist Schule! Das war schon immer so! Da muss man durch! Gute Noten sind die Grundlage für Erfolg im Beruf und im Leben!

Dann kam der Tag, an dem der Lehrer sagte: Wir schreiben nun die Arbeit und schließen das Thema damit ab. Ich habe zwei verschiedene Blätter vorbereitet, damit Nachbarn nicht voneinander abschreiben können. Also Mäppchen raus und zwischen Euch gestellt. Ihr habe nur 45 Minuten Zeit!

Das Ergebnis nach sechs Wochen Anstrengung war wieder nicht die erhoffte Note, sondern eine glatte Fünf.

Nein, er war nicht dumm.

Sein IQ (Intelligenzquotient) lag durchaus im oberen Normbereich und ein Versagen nach einer solchen langen Lern- und Übungszeit hätte eigentlich nicht passieren dürfen. Nun aber schon zum zweiten Mal.

Fragt man ihn nun nach seiner Meinung, wie es zu diesem Ergebnis gekommen ist, so erhält man zur Antwort: Ich habe alle gewusst, aber ich habe es nicht abrufen können.

Stress und Versagensängste lähmen also dermaßen, dass es zu solchen Ausfällen auch oder gerade nach solchen intensiven Übungsphasen kommen kann.

Ursache ist dabei sicherlich die am Ende stehende Note, die anhand der gemachten Fehler gebildet wird.

Mit anderen Worten: Fehler werden bestraft!

Ergebnisse der Lernpsychologie, der Hirnforschung und alle Studien zeigen allerdings, dass Lernen nur einhergehen kann mit Fehlermachen, denn nur aus den eigenen Fehlern kann man lernen. Aus den eigenen Fehlern, denn aus den Fehlern anderer kann man leider nicht lernen.

So ist dieses Nichtfehlermachendürfen grundsätzlich nicht vereinbar mit den Richtlinien und Lehrplänen, wie sie in NRW für die Grundschule gelten. Hier ist der Schwerpunkt individuelles Lernen, selbstständiges Lernen und Kompetenzerwerb in den Mittelpunkt gerückt worden, was aus meiner Sicht richtig ist.

Allerdings würde ich mir wünschen, dass dieser Paradigmenwechsel konsequenterweise auch die Noten, auch die von Zeugnissen, betreffen und dazu führen würde, diese grundsätzlich zu verbannen.
Kompetenzbeschreibungen sagen viel mehr aus, als es eine Note jemals machen kann und sind ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion