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Die eigene Erfahrung als Hindernis …

Posted in Übers Lernen, Info, Lernen, Medienkompetenz, Nachdenkliches, Offener Ganztag, Offener Unterricht, Organisation, Politik, Schule, Standpunkt, Unterricht, and wasmirindensinnkommt

… und andere Hemmnisse der Schulentwicklung!

Schule vor hundert Jahren
Schule wie vor hundert Jahren – Bergisches Museum

An die eigene Schulzeit hat man im Erwachsenenalter meist positive Erinnerungen. Wenn man über die eigene Schulzeit spricht, spricht man über Streiche oder glückliche Momente.
Verzweiflung, Demütigung und alle anderen negativen Erinnerungen sind scheinbar aus dem Gedächtnis gelöscht oder erscheinen in der Rückschau nach vielen Jahren als nicht mehr so schlimm. Immerhin ist man seinen Weg gegangen.

Das Vergessen kann demnach auch eine wunderbare Eigenschaft des menschlichen Gehirns sein, wenn es uns solche Dinge scheinbar vergessen lässt.

Allerdings ganz vergessen sind die Eindrücke der eigenen Schulzeit nicht und diese werden von Eltern auf die Schulzeit der eigenen Kinder und auf die Schule übertragen.

Dies führt, das möchte ich hier durchaus einmal provokant zur Diskussion stellen, zu einer ständigen Ausbremsung der Schulentwicklung, an denen Eltern, Lehrer und natürlich auch die Politiker gemeinsam ursächlich beteiligt sind.

Natürlich geschieht das nicht in böser Absicht, sonder in der Regel ist es die Sorge um die Zukunft des eigenen Kindes und die Erkenntnis, dass das eigene Fortkommen trotz Schule möglich war.

An anderer Stelle habe ich schon auf die veränderten Bedingungen durch den gesellschaftlichen Wandel, die Globalisierung und weiterer Faktoren hingewiesen, dass eine Schule, wie sie früher war, heute den Schülern nicht mehr bei der Lebensgestaltung unterstützt.

Reproduktives Lernen reicht in der heutigen Zeit alleine nicht mehr aus, denn man muss in der Lage sein, aufgrund des eigenen Wissens und anderer Faktoren Zusammenhänge herzustellen, diese zu überprüfen, Schlussfolgerungen ziehen und in das eigene Handeln einbeziehen können.

Lebenslanges Lernen, so wie es heute gefordert wird und ohne das man kaum in der Lage ist, sein berufliches Leben zu bestehen, erfordert genau dies: Spaß am Lernen und daran, neue Zusammenhänge aufgrund eigener Erfahrungen herzustellen.
Dazu gehören sicherlich auch Techniken, die dies erleichtern. Ich denke hier u.a.  zum Beispiel an MindMapping, die sinnvolle Nutzung von Medien und eine hohe intrinsische Motivation, die Voraussetzung für lebenslanges Lernen ist.
Mindestens ebenso wichtig ist meines Erachtens auch ein persönliches Zeitmanagement, das einen Menschen überhaupt erst in die Lage versetzt ausreichende Erholungsphasen einzuplanen, um damit die körperlichen Voraussetzungen fürs Lernen zu schaffen.

Aber, wie ist das möglich?
Entwicklung und Lernen ist ein persönlicher Prozess und  ist nicht im Gleichschritt möglich.
Das wissen Eltern mit mehreren Kindern, die immer wieder von der unterschiedlichen Entwicklung ihrer Kinder sprechen, obwohl diese augenscheinlich die gleichen Bedingungen vorgefunden haben, weil sie aus dem gleichen „Stall“ kommen.

Aber, wenn man die Situation näher betrachtet, so sieht man, dass die Voraussetzungen bei Weitem nicht die gleichen waren.

Auch die Eltern unterliegen einer Entwicklung, die so schon für andere Bedingungen sorgt.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an unser Verhalten, als unser erstes Kind zu Welt kam.
Wir haben uns zwar sehr bewusst darum bemüht, unser Kind möglichst viele eigenen Erfahrungen machen zu lassen, nicht die Schubladen zugeklebt oder die Tischdecke vom Tisch genommen, sonder auch in kauf genommen, dass hier und da eine kleinere Verletzung den Erfahrungsbereich unseres Kindes erweiteren. Sicherlich haben wir ernsthafte Gefahren oder Verletzung von ihm ferngehalten.
Trotzdem würde ich jetzt in der Rückschau sagen, dass wir unser erstes Kind doch sehr behütet haben.

Beim zweiten Kind hatten wir dann schon einige Routine und ließen es auch mal nachts schreien, ohne gleich aufzuspringen und zu sehen, warum es schreit.
Alles lief für uns als Eltern aufgrund unserer Erfahrungen etwas entspannter, ohne dass wir allerdings äußerlich die Bedingungen, unter denen unsere Kinder aufgewachsen sind, geändert hätten.

Beide Kinder habe zu unterschiedlichen Zeiten das Laufen erlernt und zu sprechen begonnen.
Bei allen Entwicklungsschritten war es immer so, dass ein ganz grober Zeitpunkt uns vermuten lies, dass der nächste Entwicklungsschritt bald kommen müsse, aber diese Zeitpunkte differierten teilweise doch so sehr, dass eine individuelle Entwicklung unserer Kinder trotz gleicher Bedingungen stattgefunden hat. Diese Individualität ist bis heute zu beobachten.

Unser zweites Kind hat es leichter gehabt, weil wir entspannter waren und weil es eine Unmenge von ihrer großen Schwester nebenbei gelernt hat, was diese sich mühsam erarbeiten musste. Ich danke da zum Beispiel ans Lesen lernen. Unser jüngstes Kind hat diesen Prozess im Wesentlichen von der größeren Schwester abgeschaut und gelernt. Was sich die Erstgeborene erkämpfen musste, fiel ihr in den Schoss. Beispiele dieser Art gibt es viele.

Was hat das nun mit Schule zu tun?
Auch die Schule muss sich ändern, damit Kindern mehr Raum zur individuellen Entwicklung gegeben werden kann.
Nicht die Note der Klassenarbeit, die zu einem durch den Lehrer für den Schüler zu einem willkürlichen Termin festgelegt worden ist, ist das Maß aller Dinge, sondern die individuellen Lernfortschritte müssen dabei berücksichtigt werden.
Aber gerade diese Form der Leistungskontrolle durch Klassenarbeiten mit einer Note am Ende, wird von den Eltern immer wieder gefordert, weil sie es in der eigenen Schulzeit so kennengelernt haben.

Dies korrespondiert nicht mit dem Paradigmenwechsel in den Richtlinien und Lehrplänen des Landes NRW, die auch hier individuelle Leistungsabfragen – auch bei Klassenarbeiten – aufzeigen und gleichzeitig die Leistungsbewertung mittels Noten bei Lernzielkontrollen ausschließen.

Die Bremsen der Schulentwicklung
Die Welt hat sich geändert und damit auch die Voraussetzungen, die entscheidend für ein Bestehen in dieser Welt sind.

Lebenslanges Lernen, Motivation, Flexibilität und Mobilität. Teamfähigkeit, Verantwortung und Belastbarkeit sind gefordert und natürlich, in die Voraussetzung, sich in beruflicher Hinsicht immer auf dem aktuellen Fortbildungsstand zu befinden.

Hier projezieren die Eltern in den entscheidenen Gremien der Schule eine Weiterenticklung aufgrund der eigenen Schulferfahrungen und aus Sorge um das eigene Kind, denn es ist für sie schwer vorstellbar, dass Lernen anders funktionieren kann als sie es in der eigenen Schulzeit erlebt haben.

Die Politik
Dieses Denken wird seitens der Politik unterstützt. Nirgends sonst haben Laien ein so großes Mitspracherecht wie in schulischen Dingen.

  • Bei der Entscheidung, welches Schulbuch angeschafft wird.
  • Ob die Schule Offene Ganztagsschule werden soll und als letztes Beispiel,
  • wie die beweglichen Ferientage auf das Schuljahr verteilt werden.

Auch bei der Wahl des Schulleiters haben die Eltern ein Mitspracherecht und häufig sind sie in dem Gremium, das bei Ausschreibungen für die Auswahl der Lehrerin oder des Lehrers zuständig ist.

Um auch an dieser Stelle gleich Missverständnissen vorzubeugen, ich schätze die Elternmitarbeit sehr, denn ohne sie sind viele Dinge nicht möglich.
Ob sie allerdings in allen Entscheidungen ein Mitspracherecht haben sollten, halte ich für überdenkenswert.
Lesen Sie hierzu den Vergleich Schule und Wirtschaft, wo ich versucht habe, die verschiedenen Vorgehensweisen gegenüberzustellen. Sie finden den Artikel am Ende dieser Seite unter dem Stichwort „Discounter“.

Die Rahmenbedingungen werden durch die Politik nicht geschaffen
Sicherlich kann man in Richtlinien und Lehrplänen eine Entwicklung festschreiben, aber: „Papier ist geduldig!“
Um die Voraussetzung für die Umsetzung zu schaffen, bedarf sicherlich mehr als eine Festschreibung.
Der Rahmen, in dem die Vorgaben umgesetzt werden, muss vorhanden sein. Das betrifft sicherlich die Ausstattung in Schulen, aber auch Fortbildungen und Coaching in Lehrerkollegien, um hier Strategien an die Hand zu geben und Ängste zu nehmen, die sicherlich vorhanden sind.

Ein Beispiel
Man kann keinem Automechaniker sagen: Repariere mit einer Ausbildung, die vor zwanzig Jahren stattgefunden hat und dem Werkzeug, das vor zwanzig Jahren benutzt worden ist, ein hochmodernes Auto, das vor einem halben Jahr vom Band gelaufen ist.

Beispiele hinken, das weiß ich natürlich, aber manchmal ist die Übertreibung?, die in einem solchen Vergleich zu finden ist, Grund genug, genauer hinzusehen.

Sicherlich gibt es noch viele Hemmnisse von politischer Seite. An dieser Stelle möchte ich es allerdings bei diesem Beispiel belassen.

Wenn nun die Rede davon ist, dass Eltern die Reformen verweigern, so hat dies sicherlich auch mehrere Gründe.

Warum sollen an meinem Kind Reformen ausprobiert werden?
Ich erinnere an die Einführung der Flexiblen Schuleingangsphase in Nordrhein-Westfalen.
Der Schulkindergarten wurde zugunsten eines möglichen dreijährigen Verbleibs in der Flexiblen Schuleingangsphase (Kurz:Flex) abgeschafft.
Ein weiterer Eckpfeiler dieser Umstrukturierung solle der Altersmischung oder, wie vielleicht besser bekannt, der jahrgangsübegreifende Unterricht sein.

Dies bedeute, dass die Jahrgänge 1 und 2 nicht mehr als Jahrgangsklassen geführt werden sollten/durften.
Eigentlich ein ganz natürlicher Zustand, denn wann im Leben ist man nicht mit älteren oder jüngeren Arbeitskollegen, Vereinsmitgliedern, gleichgesinnten Menschen zusammen?
Nie, nur in der Schule und auch dort nur bis zum Beginn der Oberstufe, wenn ein Kurssystem eingeführt wird.

Der Ruf nach homogenen Klassen und den damit verbundenen gleich hohen oder auch niedrigen Anforderungen an alle Schüler dieses Jahrgangs ist schon lange Illusion.
Auch eine sogenannte Jahrgangsklasse ist schon lange keine homogene Gruppe mehr.
Auch hier ist die Spannbreite der Leistungen so weit, dass ohne Differenzierung an unterrichten gar nicht zu denken ist.
Diese Differenzierung muss häufig auch über den eigentlichen Jahrgang hinaus stattfinden.

Wo ist also der Unterschied zu einer altersgemischten Lerngruppe?
Es gibt von den Voraussetzungen her in den Schulen keinen Unterschied. Vor der Herangehensweise an die methodisch-didaktische Planung, an die Sichtweise auf und von den Kindern aus, aber sicherlich.

Während in jahrgangsbezogenen Klassen, das – ich sage das nun bewusst provokativ –  Bestrebungenin  Richtung einer homogenen Gruppe vorherrschen, wird in altersgemischten Klassen diese Heterogenität bewusst wahrgenommen und und diese Vielfältigkeit wird
auch genutzt.

Wie bildet man eine homogene Lerngruppe (Jahrgangsklasse) in der Schule?
Um eine „homogene“ Gruppe zu erhalten, kann man Folgendes zugrunde legen:
Der Unterricht wird an der größten Gruppe der Schüler eine Klasse ausgerichtet.
Schüler, die dieser Gruppe nicht entsprechen, verlassen diese Gruppe.
Um es deutlich zu sagen: sie überspringen eine Klasse oder wiederholen eine Klasse.
Führt letztere Maßnahme nicht zum Erfolg in der der zu wiederholenden Klasse, ist eine Homogenisierung durch den Wechsel der Schulform möglich.
Vom Gymnasium zur Real- oder, falls es sie demnächst noch geben wird, zu Hauptschule, von der Grundschule zur Förderschule – auch wenn hier namentlich aus Sonderschule Förderschule geworden ist, so ändert dies nichts an der Schulform.

Es geht auch anders – nachahmenswerte Beispiele
Die Erkenntnis, dass Schule sich an der Entwicklung des Kindes anpassen und diese unterstützen muss, ist als Notwendigkeit kaum in Frage zu stellen.

An dieser Stelle möchte ich auf Pädagogen wie Freinet, Petersen, Montessori und viele, viele andere hinweisen, die schon vor langer Zeit gezeigt haben, dass die individuelle Entwicklung des Kindes unterstützt werden muss und kann.

In den letzten Jahren finden sich auch viele Beispiele dieser Art in den Medien.

„Treibhäuser der Zukunft“ ist ein Film von Reinhard Kahl, der eindrucksvoll zeigt, wie Lernen aussehen kann. Dank Internet können Filmausschnitte hier präsentiert werden.

Es ist ein langer Weg, Schule an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen.
Machen wir uns gemeinsam auf den Weg!


Hier nun der Trailer zum Film von Reinhard Kahl: Treibhäuser der Zukunft

Links

Weitere Filme zur Schulentwicklung im Internet
http://www.youtube.com/watch?gl=DE&v=TM2-cG4OTBA

Spiegel: Wie Eltern gute Schulen verhindern
http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,627628,00.html

VBE Berzirksverband Köln

Schulgesetz des Landes NRW – Aufgaben der Schulkonferenz §65
http://www.schulministerium.nrw.de/Schulgesetz/paragraph.jsp?paragraph=65

Medienecken und wasmirindensinnkommt
Vergleich Schule und Wirtschaft: Discounter

Homogene Gurppen

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